• Drive in Cinema, F.Giebichenstein

    1. Hard to Be a God, 2013
      Aleksei Yuryevich German
    2. Shane, 1953
      George Stevens
    3. 2001: Odyssee im Weltraum, 1968
      Stanley Kubrick
    4. Der müde Tod, 1921
      Fritz Lang
    5. Nordwest-Passage, 1940
      King Vidor
    6. Die Nacht des Jägers, 1955
      Charles Laughton
    7. Im Zeichen des Bösen, 1958
      Orson Welles
    8. Wilde Erdbeeren, 1957
      Ingmar Bergman
    9. Metropolis, 1927
      Fritz Lang
    10. Nosferatu, 1922
      Friedrich Wilhelm Murnau
    11. Die verborgene Festung, 1958
      Akira Kurosawa
    12. White Heat, 1949
      Raoul Walsh
    13. Fanny und Alexander, 1982
      Ingmar Bergman
    14. Eraserhead, 1977
      David Lynch
    15. The Wizard of Oz, 1939
      Victor Fleming
    16. M, 1933
      Fritz Lang
    17. Uhrwerk Orange, 1972
      Stanley Kubrick
    18. Die große Illusion, 1937
      Jean Renoir
    19. Bestie Mensch, 1938
      Jean Renoir
    20. Der große Diktator, 1940
      Charlie Chaplin
    21. Spartacus, 1960
      Stanley Kubrick
    22. Pépé le Moko, 1937
      Julien Duvivier
    23. Hafen im Nebel, 1938
      Marcel Carné
    24. Briefe eines Toten, 1986
      Konstantin Lopushansky
    25. Onibaba – Die Töterinnen, 1964
      Kaneto Shindô
    26. Dr. Mabuse, der Spieler, 1922
      Fritz Lang
    27. Tokio in der Dämmerung, 1957
      Yasujirō Ozu
    28. Stalker, 1979
      Andrei Arsenjewitsch Tarkowski
    29. Solaris, 1972
      Andrei Arsenjewitsch Tarkowski
    30. Der Scharfschütze, 1950
      Henry King
    31. Das Lied der Straße, 1958
      Federico Fellini
    32. Olympia – Fest der Völker, 1938
      Leni Riefenstahl
    33. Olympia – Fest der Schönheit, 1938
      Leni Riefenstahl
    34. Der Pate I, 1972
      Francis Ford Coppola
    35. Der Pate II, 1974
      Francis Ford Coppola
    36. Der Pate III, 1990
      Francis Ford Coppola
    37. The French Connection, 1971
      William Friedkin
    38. Lohn der Angst, 1953
      Henri-Georges Clouzot
    39. Abenteuer im Roten Meer, 1951
      Hans u. Lotte Hass
    40. Apocalypse Now, 1979
      Francis Ford Coppola
    41. Psycho, 1960
      Alfred Hitchcock
    42. Die Faust im Nacken, 1954
      Elia Kazan
    43. Früchte des Zorns, 1940
      John Ford
    44. Endstation Sehnsucht, 1953
      Elia Kazan
    45. Das Fenster zum Hof, 1954
      Alfred Hitchcock
    46. Network, 1976
      Sydney Lumet
    47. Dr. Strangelove, 1964
      Stanley Kubrick
    48. One Flew Over the Cuckoo’s Nest, 1975
      Miloš Forman
    49. Ben Hur, 1959
      William Wyler
    50. Bladerunner, 1982
      Ridley Scott
    51. Nur die Sonne war Zeuge, 1960
      René Clément
    52. Rocco und seine Brüder, 1960
      Luchino Visconti
    53. Der Leopard, 1963
      Luchino Visconti
    54. Themroc, 1973
      Claude Faraldo
    55. Vier im roten Kreis, 1970
      Jean-Pierre Melville
    56. Der eiskalte Engel, 1967
      Jean-Pierre Melville
    57. Rattennest, 1955
      Robert Aldrich
    58. Doktor Schiwago, 1966
      David Lean
    59. Deliverance, 1972
      John Bormann
    60. There Will Be Blood, 2007
      Paul Thomas Anderson
    61. Belle de Jour, 1967
      Luis Buñuel
    62. Das siebente Siegel, 1957
      Ingmar Bergman
    63. Das Verhör, 1981
      Claude Miller
    64. Der Einzelgänger, 1981
      Michael Mann
    65. Dr. Mabuse, der Spieler, 1922
      Fritz Lang
    66. Der Spiegel, 1975
      Andrei Arsenjewitsch Tarkowski
    67. Roshomon, 1950
      Akira Kurosawa
    68. Prosperos Bücher, 1991
      Peter Greenaway
    69. Zeugin der Anklage, 1957
      Billy Wilder
    70. Fahrenheit 451, 1966
      François Truffaut
    71. Elf Uhr nachts, 1965
      Jean-Luc Godard
    72. Schießen Sie auf den Pianisten, 1960
      François Truffaut
    73. Am Rande der Nacht, 1983
      Claude Berri
    74. Dr. Petiot, 1990
      Christian de Chalonge
    75. No Country for Old Men, 2008
      Ethan u. Joel Coen
    76. Papillon, 1973
      Franklin J. Schaffner
    77. Aguirre, 1972
      Werner Herzog
    78. Fahrraddiebe, 1948
      Vittorio De Sica
    79. Die schwarze Narzisse, 1947
      Powell & Pressburger
    80. Asche und Diamant, 1958
      Andrzej Wajda
    81. Die sieben Samurai, 1954
      Akira Kurosawa
    82. Der Teufel mit der weißen Weste, 1962
      Jean-Pierre Melville
    83. Hafen im Nebel, 1938
      Marcel Carné
    84. Z – Anatomie eines politischen Mordes, 1967
      Constantin Costa-Gavras
    85. Armee im Schatten, 1969
      Jean-Pierre Melville
    86. Der Clan der Sizilianer, 1969
      Henri Verneuil
    87. Der Saustall, 1963
      Bertrand Tavernier
    88. The Treasure of the Sierra Madre, 1948
      John Huston
    89. Die durch die Hölle gehen, 1978
      Michael Cimino
    90. Der diskrete Charme der Bourgeoisie, 1972
      Luis Buñuel
    91. Scarface, 1983
      Brian De Palma
    92. Chinatown, 1974
      Roman Polański
    93. Full Metal Jacket, 1987
      Stanley Kubrick
    94. Shining, 1980
      Stanley Kubrick
    95. Es geschah am hellichten Tag, 1958
      Ladislao Vajda
    96. Lost Highway, 1997
      David Lynch
    97. Brazil, 1985
      Terry Gilliam
    98. Botschafter der Angst, 1962
      John Frankenheimer
    99. Stagecoach, 1939
      John Ford
    100. Spiel mir das Lied vom Tod, 1968
      Sergio Leone
  • Schlaf der Uhren
    F.Giebichenstein, ghost in the machine

    Als ich mit dem Buch fertig war, fiel mir seltsamerweise ein Wort von John Burnside ein: „Ich sah den Teufel in einer Tasse Fertigsuppe.“. Der Schlaf in den Uhren hatte dazu geführt, dass ich wie die Hündin Laika in ihrem Sputnik 2 durch Treva flog und den Endgegner suchte. Seit Jahren lese ich nur noch sehr wenig zeitgenössische Literatur. Wie Heiner Müller sagte, dass ihn Demokratie langweilte, so ist das bei mir mit der Gegenwartsliteratur. Viel Schund, zu politisch, zu aktivistisch und substanzlos. Es ist gruselig, was da über die Tische des Buchhandels gereicht wird. Uwe Tellkamp ist anders, er ist ein mutiger Autor. Es ist zu vermuten, dass die überwiegende Mehrheit der Leser nach wenigen Seiten die Segel streichen. Wer nicht ernsthaft fokussiert bleibt, der will nicht lesen. Das Buch ist vergleichbar mit einer Straßenschlägerei. Es gibt keinen Plan, aber wer sich nicht stellt, wird verlieren. Aber jene, die sich eingraben und Welle für Welle überstehen, werden mit dem Genuss großartiger Literatur belohnt. Tellkamp ist ein erhabener Stilist, seine Sprache hat eine kybernetische Eleganz, man atmet und staunt. Diese Sprache bannte und verdammte mich zu wochenlanger Fertigsuppe. Bis ich das Labyrinth durchschritten hatte. Als interessierter Leser kann man sich keine Vorstellungen davon machen, wie schwierig es sein muss, zeitgenössische Themen in diese sprachlichen Weiten zu katapultieren. Die meisten werden aussteigen, konditioniert durch die lauwarme Häppchenkultur unserer Zeit. Literatur ist in Verruf geraten, vor allem solche, die als Großversuch der Deutung von Geschichte angelegt sind. So erging es den monströsen Großstadtromanen, der Lagerliteratur und vielen fantastischen Werken. Die Mühen der Ebene gehen heute nur noch wenige Leser, kurzweilig soll die Reise sein. Tellkamps Text ist ein solcher Großversuch, der sich unmöglich erklären lässt, so wie sich Ulysses von James Joyce, Manhattan Transfer von John Dos Passos nicht erklären lassen. Literatur als Zeitvertreib ist etwas für Denkfaule. Solche Stimmen behaupten auch, dass es sich nicht lohnen würde Dostojewski zu lesen, bloß weil er zeilenweise beschreibt, wie sich jemand den Staub von der Hutkrempe streift

    F.Giebichenstein, Im Bergwerk

    Ist der Leser aber nicht nur geneigt, sondern weiß um die Hintergründe der Zeitdiagnostik darin, dann wird die Lektüre zu einem Ereignis, das sonst nur der Musik vorbehalten bleibt. Oberflächlich betrachtet kann man den Text als zeitkritischen Roman abtun, die historischen Abläufe und handelnden Personen sind schnell erkannt. Die literarische Größe dieses Textes bleibt dabei jedoch auf der Strecke. Dieses tote Pferd peitschten viele Kritiker vor allem bundesrepublikanischer Herkunft, weil sie sich an der politischen Person Uwe Tellkamps störten, der mit offenem Visier seine legitimen Positionen vertrat. Dazu ist alles gesagt. Diese Form der üblen Nachrede scheiterte, weil Der Schlaf in den Uhren in seiner Sprache und Konzeption für sich steht. Die kolossale Virtuosität dieser Literatur übersteigt die profanen Niederungen der bestehenden Bekenntnisprosa des Zeitgeistes. Tellkamps Sprachkosmos weckt Erinnerungen an andere große Unternehmungen dieser Art. Es sind Assoziationen zu den Sprachwelten anderer Autoren. Beim Lesen dieser eigentümlichen Sprache kamen mir unzählige Gedanken zu anderen Werken in den Sinn. Da wären die Sprache Reinhard Jirgls in seinem Buch Nichts von euch auf Erden, ein ebenso kühner Wurf. Es schiene so, als würde Tellkamp mit seinen Sprachschöpfungen die Erinnerungen an alle schlummernden Sätze von Literatur im Gehirn des Lesers zu neuem Leben zu erwecken. Erinnerungen, die von Leser zu Leser variieren. Ich erinnerte mich an Heliopolis von Ernst Jünger, an Georg Orwells 1984, Brave New World von Aldous Huxley, an Jewgeni Samjatins Wir, an Geschichten von Ambrose Bierce und Celines Reise ans Ende der Nacht. Selbst Baron Wladimir Harkonnen aus Frank Herberts Der Wüstenplanet spukte vorbei. Wenn Tellkamp Worte wie Eisengallustinte oder Zeitarbeiterkollektiv benutzt, reagiert das Gehirn drüsig und schleudert Erinnerungstexturen wie knisterndes Popcorn. Hier entsteht, was der Lyriker Allen Ginsberg in einem Gedicht einmal die „Welten aus Bakterien“ nannte. Treva ist der Kosmos und hat viele Ableger, wo alle zum Lichte drängen und doch in der Dunkelheit leben. Das sind die Momente wo das lesende Säugetier innehält und das in der Welt sein für eine Nanosekunde ahnt. Alles, was Tellkamp beschreibt, ist in unseren Zellen und findet jede Sekunde aufs Neue statt. Das ist es, was Literatur leisten kann, deshalb verdanken wir ihr alles. Tellkamps Buch nachzuerzählen, rational in erkenntnistheoretische Kategorien einzuordnen, wird immer radikal scheitern. Sprache in dieser Versuchsanordnung lässt sich weder satteln noch bändigen. Der Weg nach Eleusis ist steinig, im Fall Der Schlaf in den Uhren hat es sich gelohnt. (fk)

    Der Schlaf in den Uhren, Uwe Tellkamp
    Suhrkamp Verlag, 904 Seiten
    32 Euro

  • F.Giebichenstein, Panoptikum I

    Der Internetpionier Clifford Stoll verglich vor etlichen Jahren einmal den Versuch der sinnvollen Nutzung des Internet damit, als würde man versuchen, aus einem aufgedrehten Feuerwehrschlauch Wasser zu trinken. Ein frustranes Erlebnis. Das Internet Stolls ist heute zu dem geworden, was Paul Virilio vor mehr als drei Jahrzehnten als „digitale Kolonie“ beschrieb. Das Internet war und ist keine erbauliche Sphäre, sondern es hat sich zu einem Panoptikum entwickelt, das hauptsächlich der Überwachung und Kontrolle dient. Es ist zu den Erfahrungen geworden, die Walter Kempowski in seinem Buch Bloomsday ’97‘ über das Fernsehen beschrieb. Kempowski zappte damals 24 Stunden wahllos durch das lineare Fernsehprogramm. Was er sah, war eine verheerende Bewusstseinstrübung, eine Reise in eine trost- und geistlose Wirklichkeit. Das Internet hat das Fernsehen ersetzt. Wer heute leichtfertig eine App öffnet, begibt sich in eine lebensfremde Parallelwelt, in der die Wahrheit permanent zu „Informationsstaub(Byung-Chul Han) zerfällt. Robusten Naturen wird es wie Adorno gehen. Er kam immer dümmer aus dem Kino als er reinging. Der Schaden blieb gering. Dem Rest der Nutzer blüht etwas anderes. Ihre Sinne werden einem ultimativen Stresstest ausgesetzt. Das Netz hat sich in eine monströse Dystopie verwandelt. Man hat schon nach wenigen Minuten begriffen, was der Schriftsteller Jonathan Frantzen meinte, als er feststellte, dass das Silicon Valley unentwegt Stupidität produziert. Längst sind die Claims abgesteckt, jetzt ist Erntezeit. Die Nutzer wurden zur fetten Beute einer eskalierten Datenindustrie. Alles, wovor besonnene Geister wie Joseph Weizenbaum gewarnt haben, ist heute längst übertroffen. Für Weizenbaum war es schon Dummheit, planlos im Netz unterwegs zu sein. Seine damalige Technikkritik wirkt angesichts der Entwicklung der Sozialen Medien wie aus der Zeit gefallen. Aus der „verwalteten WeltAdornos ist eine digitale Strafkolonie geworden. Aus dem Heilsversprechen von den guten und wahrhaften Informationen für alle ist ein datenfressender Optionenvernichter von Lebenszeit geworden. Diese digitale Strafkolonie ist zu dem geworden, was der spanische Autor Ortega y Gasset über die Massengesellschaft schrieb. Der digitale Raum ist die Kloake der Allzuvielen. Hierzu schaue man nur auf die jährlich veröffentlichten Hitlisten der Suchmaschinen. Konsumistische Predatoren sind auf der Jagd nach abscheulichen Sexualpraktiken, während die Aggregatoren und Realitätsdesigner dieser digitalen Industrie die Zersetzung des Gemeinwohls immer aggressiver und perfider vorantreiben. Der Besuch von Plattformen wie TikTok oder Instagram ist Entmenschlichung auf psychologisch hohem Niveau. Plattformen wie Twitch, OnlyMoves oder Chaturbate sind die Endgegner in den Dungeons der verwahrlosten Gesellschaft. Hier treffen sich Wegelagerei, Prostitution, Bettelei und Würdelosigkeit in beinahe erbarmungswürdiger Schlichtheit. Die Sprache ist schwere Kost. Ein Kauderwelsch aus Rap, radebrechenden „Kiezdeutsch“ und unterwürfigen Dummdeutsch, inhaltlich immer dürftig, ja erschreckend ahnungslos von jeglichen kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen.

    F.Giebichenstein, Panoptikum II


    Nur wenige Streamer, Content Creatoren, Influencer und Youtuber gelangen an die Fleischtöpfe des Geldes, der Rest strandet in den digitalen Wüsten der Belanglosigkeit. Arm auch die Einfalt dieser Content Creatoren, die ihre inhaltsleeren Einlassungen zu Fragen der Kultur, Politik und Gesellschaft selbstreferenziell abfeiern. Doch am Horizont werden immer nur wieder die gleichen saturierten Texturen des Lebens sichtbar, die aus wehleidigen Sozialkitsch, Geld und Anmaßung bestehen. So wie alle Kunst nicht politisch sein muss, das Leben schon gar nicht, so gibt es kein richtiges Leben im Metaversum, auf Instagram oder Facebook. Hier muss man dem Scherz des schwatzhaften Philosophen Slavoj Žižek beipflichten. Er würde Mark Zuckerberg im GULAG einquartieren. In den digitalen Strafkolonien der Milliardärssozialisten und Cyberbarone gibt es kein Gemeinwohl, sondern nur Gefangenschaft. Es sollten zu den Like- und Unlike-Buttons auch eine Delete oder Auslöschtaste geben, die diesen Tsunami an Zerstörung stoppt. Im Kern ist das System dieser verdrahteten Sphären nicht auf Gemeinschaft aufgebaut, sondern folgen schlichten Regeln der Vermarktung und Selbstausbeutung. Die Nutzer werden reduziert auf das dienstbare Personal einer imaginären Knechtschaft des Konsums. Freiwillig synchronisiert sich dieses Personal mit den Produktzyklen weltweiter Lieferketten. All die Auspacker, Berichterstatter und Warenfetischisten plündern im Stundentakt die neuesten Produkte der asiatischen Sweatshops. Diese weltweite Armee dampfender NPC-Maschinen (Non-Playable Character) sind der eigentliche Erfolg von BigTech. Alle Lebensbereiche sind inzwischen kontaminiert von diesem Gadgetporn. Immer raffiniertere Propaganda- und Manipulationstechniken erobern den digitalen Raum. Immersive Spielewelten und Künstliche Intelligenz werden zum Lebensersatz. Doch das transhumanistische Paradies ist nur Mummenschanz und Blendwerk. Die verdrahtete Welt ist eine kontrollierte Versuchsanordnung, alles wird gespeichert, protokolliert und ausgewertet. Unser Alltag wird durch „elektronische Signale“ kontrolliert (Zygmunt Bauman) und wir haben uns eingerichtet in diesem Panoptikum. „Glückliche Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.“ Dieser Satz stammt von der klugen Freifrau Marie Ebner von Eschenbach. Sie hat kein Insta, ist weder bei Meta noch Twitch und benutzt auch kein WhatsApp oder Youtube. Sie ist seit 1916 tot, aber ihr Satz wird länger strahlen als das Internet. (fk)

    Infokratie, Byung-Chul Han
    Die Wüste Internet, Clifford Stoll
    Why Machines Will Never Rule the World
    Landgrebe, Jobst, Smith, Barry

  • Erhardt
    Alfred Ehrhardt

    Alfred Ehrhardt war ein großer Meister der Bildkunst. Die Wirkung der Natur so eindringlich nahe zu bringen ist wenigen Fotografen gelungen. Doch Alfred Ehrhardt war mehr als Fotograf und Dokumentarfilmer. Sein vielschichtiges Werk ist das Zeugnis eines herausragenden Künstlers. Der gebürtige Thüringer kannte die Welt und die Kunst. Zeit seines Lebens war er noch als Maler, Kunstdozent und Musiker tätig. Am Bauhaus begegnete er Künstlern wie Joseph Albers und Oskar Schlemmer. Von Kandinsky ist bekannt, dass er die Arbeiten Ehrhardts sehr schätzte. Die Fotoserie Watt, ein Ergebnis seiner langen Fotowanderungen, sind im philosophischen Sinne naturalistische Meisterwerke. Von Walter Benjamin stammt der Irrtum, dass die Neue Sachlichkeit nicht künstlerisch sei und keine Imagination und Erkenntnis zuließe. Ehrhardts Watt-Bilder widerlegen diese These.

    Watt

    Der Betrachter sieht nicht nur Wasser, Sand und Licht, er sieht ebenfalls Formen, Kontraste, Linien und Zeichen. In vielen „sachlichen“ Bildern August Sanders findet sich ebenfalls dieser Zauber. Die Natur in ihrem schlichten Abbild erscheint bei Ehrhardt als riesige Projektionsfläche für die großen Zusammenhänge. Die Schönheit und Anmut des Planeten wird zur Sinnstiftung des in die Welt geworfenen Menschen. Das Drama der Sterblichkeit wird ersichtlich, die Natur existiert auch ohne Menschen. Das ist Kontemplation, das ist Selbstvergewisserung und Meditation zugleich. Mehr kann ein Künstler nicht erreichen und Alfred Ehrhardt hat viel erreicht. Von den lebenden Zeitgenossen hat ähnliches der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado erreicht. Sein Bildband Genesis hätte Alfred Ehrhardt begeistert. Beide haben verstanden, dass die Natur alles ist und ohne Natur alles nichts. (fk.)

    Ausstellung in der Alfred Erhardt-Stiftung,
    18. Januar bis 27. April 2014 Berlin
    © alle Bilder: Alfred Erhardt-Stiftung

  • Einstein
    Albert Einstein

    Es gibt Fotografien, die jeder kennt. Das schwarz-weiße Portrait Einsteins ist so ein Bild. Eine kolossale Aufnahme, die zur Erinnerungstextur des 20. Jahrhunderts wurde. Fred Stein ist der Name des Fotografen. Die fotografischen Arbeiten des gebürtigen Dresdners sind ein großes Erbe und ein großer Schatz in der Geschichte der Fotografie. Stein kam auf tragische Weise zum Beruf des Fotografen. Der studierte Jurist durfte in Nazideutschland als Jude nicht promovieren. 1933 floh der Rabbinersohn mit seiner Frau aus Deutschland. Wesentliche Stationen seines Lebens waren Paris und später New York. Mit einer handelsüblichen Kleinbildkamera der Marke Leica und später einer Rolleiflex fotografierte Stein sein Jahrhundert. Der bekennende Sozialist kümmerte sich zeitlebens wenig um Fototechnik, Licht und Retusche.

    Hannah Ahrendt
    Hannah Ahrendt

    Menschen waren ihm wichtiger. Vornehmlich porträtierte er nur Menschen, die ihn berührten, sei es intellektuell oder künstlerisch. Neben Einstein hatte Stein viele Geistesgrößen seiner Zeit vor der Kamera: ob Hannah Arendt (Bild), Chagall, Miró, Dalí, die Dietrich, Martin Buber, Thomas Mann, Bertolt Brecht, Arnold Zweig, Egon Erwin Kisch oder Willy Brandt, alle diese Portraits sind einzigartige Zeugnisse des letzten Jahrhunderts. Mit Brandt war Stein lebenslang befreundet und dieser hielt den Fotografen für einen „avantgardistischen und brillanten Fotografen“. Neben der Portraitfotografie war Stein auch ein leidenschaftlicher Straßenfotograf. Allerdings unterschied sich Steins Straßenfotografie von der heutigen Street Photography fundamental. Stein mochte Menschen und wollte die Fotografierten oft kennenlernen. Er war kein Jäger wie der Straßenfotograf Bruce Gilden, der zwar die Menschen auch mag, aber seine Kamera als Waffe benutzt und Menschen regelrecht abschießt. Gildens künstlerische Egozentrik war Steins Sache nie. Stein war Sammler. Seine umfassende Sammlung ist erstmals im Jüdischen Museum Berlin zu sehen.Bilder: © Estate of Fred Stein (fk)

  • Carlos Cazalis

    Vom Soziologen Ulrich Beck stammt der Begriff der Brasilianisierung des Westens. Am Ende dieser Brasilianisierung steht die totale soziale Ungleichheit. Mit allen Konsequenzen für die zerfallenden Gesellschaften: Kriminalität, Armut und Zerfall. Was in Europa erst begonnen hat, ist in vielen Städten Lateinamerikas und auch in den USA längst Realität. Der mexikanische Fotograf Carlos Cazalis fotografierte jahrelang die brasilianische Stadt São Paulo. Die Stadt ist ein monströser Kosmos. Mit über zwanzig Millionen Einwohnern zählt sie zu den wirklichen Megacitys der Welt. Cazalis Bilder sind einzigartig. Sie zeigen uns weder einen postapokalyptischen Menschenzoo noch koloriert der Fotograf das alltägliche Elend dieser Megastadt voyeuristisch. Seine Bilder sind belichtete Soziologie. Sie erzählen von einer kapitalistischen Welt, in der nur das Recht des Stärkeren zählt. Für immer mehr Bewohner in den Slums São Paulos wird das Leben zu einem permanenten Struggle for life.

    São Paulo

    Die sozialräumliche Polarisierung ist ein wahrer Alptraum. Den Slums stehen immer mehr Gated Communities gegenüber. Es entstehen militärisch bewachte Siedlungen für Wohlhabende. Während die Paranoia der Reichen der Sicherheitsindustrie immer neue Rekordumsätze beschert, nimmt die Zahl der Obdachlosen ständig zu. In Stadtvierteln wie Alphaville konzentriert sich obszöner Reichtum, doch abseits dieser Enklaven des Reichtums herrschen bittere Armut und Tristesse. All das steht Europa noch bevor.

    Bilder: © 2013 Carlos Cazalis/Kehrer Verlag (fk)

  • Narco Cultura

    Der mexikanische Fotograf Enrique Metinides fotografierte seine erste Leiche als kleiner Junge. Metinides fotojournalistische Arbeit aus mehr als dreißig Jahren sind harter Stoff: Katastrophen, Mord und Totschlag. Heute herrscht in einigen Gebieten Mexikos ein innerstaatlicher Krieg, den der Staat nicht mehr gewinnen kann. Gut organisierte und mit modernster Waffentechnik ausgerüstete Drogenkartelle haben das Land fest im Griff. Die paramilitärischen Einheiten der Kartelle sind in ihrer Brutalität unübertroffen. Tausende tote Polizisten und etwa 50 000 Opfer bis Ende 2011. Dieser innerstaatliche Krieg gehört in Mexiko und auch im Süden der USA mittlerweile zur Popkultur. Über diese Narco Cultura hat der israelische Fotograf Shaul Schwarz einen Dokumentarfilm gedreht. Schwarz war schon vorher als Fotograf mehrere Jahre in Mexiko und fotografierte den Drogenkrieg. Sein Film zeigt eine bizarre Wirklichkeit. Da singt ein trinkendes Partyvolk in einem Club:“Wir sind blutdurstig, durchgeknallt und lieben es zu morden.“ Eine Frau beweint ihren bei lebendigem Leib enthaupteten und zerstückelten Sohn. Doch wer hier denkt, die Welt sei aus den Fugen, der irrt. Nicht nur die Musiker der Narcocorridos verherrlichen diese Drogenkultur, auch große Teile der Menschen bewundern den Erfolg der Dealer und Schmuggler. Die Drogenkultur Mexikos erbringt mehr als die Sklaverei als Tagelöhner und ist zu einer Art Gegenkultur geworden. Diese eindeutige Lektion des freien Marktes hat in Mexiko der letzte Strauchdieb begriffen. Shaul Schwarz zeigt uns in drastischen Bildern, das Mord und Totschlag in der entsolidarisierten Gesellschaft auch nur zugespitzte Marktwirtschaft ist. (fk)

  • EGO
    Ego von Frank Schirrmacher

    Die Botschaft des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher ist klar. Das gegenwärtige Wirtschaftssystem des Westens ist krank und wird am Ende nur Zerstörung und Verwüstung hinterlassen. Verschwörungstheorien oder Paranoia sind nicht Schirrmachers Sache, er hat lediglich ein enorm kluges Buch über die Entstehung des digitalen Finanzkapitalismus geschrieben. Das der Publizist ein feines Gespür für die relevanten Themen seiner Zeit hat, bewies er schon mit seinen Büchern über die Entwicklung der Demographie (Das Methusalem-Komplott) und die Zusammenhänge der Computerindustrie (Payback). EGO – Das Spiel des Lebens unterscheidet sich wohltuend von der inhaltsleeren Geschwätzigkeit vieler kapitalismuskritischer Texte der Gegenwart. Schirrmacher beherrscht die Recherche, er versteht die Materie und kann vor allem denken. Für Schirrmacher ist der gegenwärtige Informationskapitalismus das Resultat des Kalten Krieges. Die Spieltheorien des Kalten Krieges sind es, die die heutigen Grundlagen des spekulativen Kapitalismus darstellen. Algorithmen beherrschen das Leben der Menschen. Und dies nicht zu ihrem Wohl. Schirrmacher präsentiert Zusammenhänge die grundsätzliche Fragen aufwerfen. Wenn der Einzelne jegliche Autonomie verloren hat, so kann niemand mehr ernsthaft von einer demokratischen Gesellschaft reden. Angesichts solcher Schlussfolgerungen wirkt das öffentliche Gerede von der marktkonformen Demokratie obszön und zynisch. Wenn man Schirrmacher zu Ende denkt, dann wird der maschinengetriebene Egoismus in einem monströsen Niedergang enden. Jeder gegen Jeden, rette sich wer kann! Diese Botschaft wird den Mietmäulern und Propagandisten des Lumpenbürgertums nicht schmecken. Die Mythen der bürgerlichen Welt sind durch die freien Märkte entzaubert worden. (fk)

  • Hopper
    Double Standard, 1961 Location: Los Angeles, Ca USA 6.87 x 9.79 inch

    Als Schauspieler bleibt Dennis Hopper unvergessen. Sein Auftritt als psychopathischer Frank Booth in David Lynchs Blue Velvet war große Darstellungskunst. Doch der Mann aus Dodge City war auch ein ebenso leidenschaftlicher wie ernsthafter Fotograf. Sein fotografischer Nachlass ist Teil jener berühmten amerikanischen Fotokunst, die das letzte Jahrhundert hervorgebracht hat. Hoppers Fotografien sind melancholische Schnappschüsse einer versunkenen Epoche voller Vitalität und Ekstase. Seine Portraits von Menschen und Orten kommen ohne Pathos und Schnörkel aus. Hopper glorifiziert nie, er dokumentiert lediglich. Eindrucksvoll ist Hopper immer dann, wenn er alltägliche Situationen festhält. Fernab vom lärmenden Eskapismus seiner prominenten Zeitgenossen, kann Hopper auch ruhig. Ein sonderbar stoischer Charme findet sich in vielen seiner Bilder. Ob Stierkämpfe, Demonstrationen oder Friedhöfe, Hopper bleibt gelassen. Diese Gelassenheit ist es, die Hopper mit vielen Großen der amerikanischen Fotografie verbindet. Aber auch Schwermut kommt beim Betrachten der Bilder auf. Hoppers Amerika existiert nicht mehr. Der Rausch ist vorbei, die Musik verklungen und der Duke reitet nicht mehr. John Wayne ist tot, Dean Martin und Paul Newman ebenso, nur wenige der Abgebildeten leben noch. Niemand drückt mehr eine Patrone in den Lauf, der Hedonismus des amerikanischen Jahrhunderts ist untergegangen.

    Im aufkommenden androiden Zeitalter der starren Maschinenmenschen zählen nur noch Effizienz und die Pornographie der Dinge. Hopper fotografierte in einer Welt, in der es noch schön war zu leben. Die, die nach ihm kommen, werden dieses Glück nicht mehr haben.. (fk)

     © Bild: Double Standard, 1961 – The Dennis Hopper Art Trust – Ausstellung: Dennis HopperThe lost Album im Martin-Gropius-Bau, Berlin

  • Gundula Schulze Eldowy

    Gundula Schulze Eldowys Bilder sind Heimat. Ihre Fotografien gehören sicherlich zu den ergreifendsten und bedeutendsten Werken der deutschen Fotografiegeschichte. Ihre Bilderserien und Zyklen aus den Jahren 1971-1990 sind zivilisationskritische Meisterwerke von enormer Ausstrahlung. All ihren Bildern ist anzumerken, dass die Fotografin große Empathie für die porträtierten Menschen empfand. Das unterscheidet Gundula Schulze Eldowy wohltuend von der mit ihr oft verglichenen amerikanischen Kollegin Diane Arbus. Während Arbus nach eigener Aussage “das Böse fotografieren” wollte, um die Missratenheit der Welt zu beweisen, berichten die Bilder Gundula Schulze Eldowys sehr anrührend vom Leben und Sterben in einer geschlossenen Gesellschaft. Wir sehen Ost-Berlin, es ist eine öde, verlorene und versunkene Welt. Schonungslos, gar unerbittlich wirken ihre Bilder. überall das Drama der Sterblichkeit, überall in die Welt geworfene Menschen. Neben all dem Handwerk, jenseits von Konzeption und Gestaltung, hat die Künstlerin ein außerordentlich feines Gespür für den großen Augenblick. Das macht die Kraft ihrer Fotografie aus. Alle ihre Bilder haben Würde, weil die abgebildeten Menschen Würde haben. Über diesen Rubikon gehen nur große Fotografen. Ihre Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind im Sinne Walter Benjamins frei von jeglichem “kunstgewerblichen Einschlag”. Die Fotografin verdinglicht in ihren Bildern keinen tristen Lokalkolorit, auch ist die große politische Geste nicht ihre Sache. Das Schöpferische in ihren Bildern ist der ungelöste Konflikt vom Leben zwischen Vergeblichkeit und Wirklichkeit. Dieser Konflikt findet sich auch in den Bildern namhafter Kollegen der Fotografin, sei es bei Arno Fischer, Sibylle Bergemann, Helga Paris, Roger Melis und vielen anderen. Die Fotografin steht in der Tradition von Dorothea Lange, Lewis Wickes Hine und Margaret Bourke-White, allesamt sozialdokumentarische Meister, die in dieser Klasse in der zeitgenössischen Fotografie von heute rar sind. Das Berlin der Fotografin existiert nicht mehr, der Prenzlauer Berg ähnelt heute einer Shoppingmall. Verklungen sind die alten Lieder, das Terrain ist in den Händen anderer. Selten sind noch Fotografen wie Harald Hauswald anzutreffen, die einen neuen Film in die Kamera drücken. Dem Leipziger Lehmstedt Verlag ist mit dem Bildband Berlin in einer Hundenacht ein großartiges Stück Fotokunst gelungen, eine Ausstellung mit Fotos aus den Jahren 1977-1990 ist im C/O Berlin zu sehen. (fk)