
Lost Signal I / F. Giebichenstein
Vom Linguisten Umberto Eco stammt der lebenskluge Ratschlag, dass all jene, die nicht das Zeug zum Protagonisten haben, wenigstens intelligente Zuhörer sein sollten. In den goldenen Zeiten des Rundfunks, insbesondere der des Hörfunks, gab es noch eine wohltuende Parität zwischen den Zuhörern und den Rednern. Das lag daran, das die Zuhörer noch an Inhalten interessiert waren und andächtig vor den Radiogeräten den Gesprächen zuhörten. Man erinnere sich an kultivierte Radiomenschen wie Heinrich Kalbfuss, der in der 1969 gestarteten Sendung „Fragen an den Autor“ alles von Rang und Namen aus Wissenschaft und Kultur zum Gespräch lud. Wer sich heute die alten Gespräche erneut anhört, kann nur über das intellektuelle Niveau und die sprachliche Eleganz staunen. Auch die anrufenden Zuhörer artikulierten sich in Inhalt und Form erstaunlich klar. Der Unterschied zum Radio von heute ist frappierend. Die Sprache eines Heinz Haber, Hoimar von Ditfurth, Johannes Gross, Konrad Lorenz, Joachim C. Fest, Irenaeus Eibl-Eibesfeld oder Erich Fromm ist für immer verloren. Radio ist zu Audio geworden, aus Form und Inhalt wurden Geräusche und gutturales Rauschen. Während in den früheren Glanzzeiten des Hörfunks Arnold Gehlen und Adorno diskutierten oder sich Gottfried Benn mit Johannes R. Becher unterhielt, so hört man heute in den Kultursendern nur mediokren Unsinn, staatstragende Propaganda und das, was der Dichter Wolf Wondratschek in einem Gedicht einmal trefflich „Podiumsdiskussionen über Hängetitten“ nannte. Eine Steigerung des Staatsfunks ist das gutterale Rauschen der heute ubiquitär verbreiteten Podcasts. Die Omnipräsenz der Podcasts haben eine pöbelherrschaftliche Sphäre des Geschwätzes geschaffen, die sich unaufhörlich in unsere Gehirne einnistet. Kein Lebensbereich, kein noch so abwegiger Sachverhalt, der nicht in Podcasts abgehandelt wird. Es finden sich alle erdenklichen Idiotien in diesem Mahlstrom des Geschwätzes. Alle Segmente des Alltags sind vertreten. In stundenlanger Ausführlichkeit wird sich über die trivialsten Banalitäten ausgetauscht, so als hinge das Leben davon ab. Viele der heutigen Podcaster dürften nicht einmal mehr wissen, was eine Sottise oder Verbalinjurie ist. Die zeitgenössische Sprache eignet sich nicht mehr für das klassisch bürgerliche Radio. Die heutige Hörerschaft reagiert nur noch auf die Affektinkontinenz eines lauten Meinungsdschungels. Eleganz und Esprit, Eloquenz und Weltläufigkeit sind Teil des Kulturverlustes, der die heutige Sprache und öffentliche Rede betrifft. Es existiert kein relevanter Unterschied mehr zwischen einem redseligen Dummkopf, der auf Youtube neue Nudeln auspackt oder einer Gesprächsrunde von radebrechenden Intensivtätern, deren Einlassungen so verstörend einfältig sind, das jeder mitteleuropäische Mensch durchschnittlicher Intelligenz sofort abschaltet. Ein Fieber aus Banalität und Solipsismus hat die westliche Medien-Hemisphäre ergriffen. An Stelle von Kultur ist ein ambivalenter Konformismus getreten, der unentwegt Beliebigkeit und Dummheit hervorbringt. Schon Fernando Pessoa wusste: „Das kollektive Denken ist dumm, da es kollektiv ist: Nichts kann die Schranken des Kollektiven passieren, ohne an der Grenze den größten Teil seiner Intelligenz als Wegzoll zurückzulassen.“ Neben dem Austausch von Dummheiten sind Podcasts auch Vernichter von Lebenszeit. „The medium is the message.“, schrieb der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan. McLuhan beschrieb die heutige Transformation der Medien in monströse Instrumente der Zerstreuung sehr detailliert. Die Suche nach Wahrheit hat sich aufgelöst in einem Mahlstrom aus Lärm und alarmistischen Signalen. Bilder ersetzen Argumente, um Erkenntnis schert sich die neue Aufmerksamkeitsökonomie nicht. All das haben Medientheoretiker wie Neil Postman oder Noam Chomsky schon vor fünfzig Jahren dargelegt. Moderne Podcasts sind das Endspiel der Medien, sowie die Fotografie durch Vermassung und die Bilderdienste im Ozean der Belanglosigkeit untergegangen ist. Das Motto war: Es wurde alles fotografiert, nur noch nicht von jedem. Auf Podcast trifft zu, was Robert Lee Frost einmal treffen so umschrieb: „Die Hälfte der Welt besteht aus Menschen, die nichts zu sagen haben, und die andere Hälfte aus Menschen, die nichts zu sagen haben und weiter darüber reden.“ Wenn Genies nicht in Rudeln auftreten, wie der Dramatiker Heiner Müller einmal sagte, so kann es auch keine Schwarmintelligenz geben. Podcasts produzieren Apathie, in der Massengesellschaft ist die komfortable Unterwerfung zum erstrebenswerten Zustand geworden. Podcasts sind der Treibstoff des Horror Vacui. (fk)

Lost Signal II / F. Giebichenstein
Bücher zum Thema
Marshall McLuhan, Unterstanding media (1964)
Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode (1985)
Byung-Chul Han, Infokratie (2021)
Walter Lippmann, Public Opinion (1922)
Edward Bernays, Propaganda (1928)
Jean Baudrillard, Simulacres et Simulation
Pierre Bourdieu, Über das Fernsehen (1996)
Shoshana Zuboff, The Age of Surveillance Capitalism














